Schneebedeckter Schrecksee im Winter

Wanderung zum winterlichen Schrecksee

In Deutschland, Europa by Naddl0 Comments

verschneiter Schrecksee im WinterWie haben wir uns auf das lange Osterwochenende gefreut! Es ist gerade erst eine Woche her, dass wir zusammen (und dank unseres Grills pappsatt) auf unserer Decke am See lagen und uns bei sommerlichen  25°C ausmalten, wie wir unseren Zelteingang mit Blick auf die Gipfel der Dolomiten ausrichten. Tagsüber im T-Shirt Wandern und abends dem beruhigenden Klicken der Kamera lauschen, die gerade ein Zeitraffer vom Bergpanorama mit Sonnenuntergang zaubert. So die Vorstellung…

Als die Wetterberichte unmittelbar nach diesem wunderschönen See-Wochenende allerdings einen Wintereinbruch mit rapiden Temperaturstürzen und Schnee bis auf 1000 m vorhersagen, wird uns wieder einmal schlagartig klar, wie sehr Reisepläne von der Realität abweichen können. Ich sehe es schon deutlich vor mir: wir -beide dick eingepackt in Daunen -und Regenjacken (übereinander!)- mit dem Gaskocher unter dem provisorisch befestigten Regendach, von Bergen weit und breit dank der dicken Wolkendecke nichts zu sehen und immer in Gedanken an unser gemütliches Sofa… Also entschließen wir uns, an dem einzigen Tag des verlängerten Wochenendes mit Schönwetterprognose, eine Tageswanderung im Allgäu zu machen und die restliche Zeit einfach mal zu entspannen.

Ist der Schrecksee wirklich der schönste Bergsee im Allgäu?

Wir werden zum Schrecksee, dem angeblich schönsten Bergsee im Allgäu, wandern. Da Stefan noch seine PTS Schiene (aufgrund eines Kreuzbandrisses) trägt und wir uns nicht 100% sicher über die derzeitige Schneesituation ab 1600 m sind, verzichten wir auf eine Rundwanderung über den Jubiläumsweg zum Vilsalpsee. Wir planen lediglich einen Aufstieg von Hinterstein zum 1813 m hohen Schrecksee und einen Abstieg über den gleichen Pfad. Diese Strecke scheint zwar von den Kilometern und der Dauer recht anspruchsvoll, aber technisch nicht allzu schwierig zu sein (dennoch sollte man auch hier die alpinen Gefahren im oberen Bereich der Tour nicht vernachlässigen).
Tja, soviel schon mal vorweg: der See sah anders als auf den zahlreichen Bildern im Internet aus und wir werden in ein paar Monaten nochmal wiederkommen. Was ist also passiert?

Von Hinterstein zum E-Werk

Südlich von Hinterstein parken wir auf einem Parkplatz mit Wanderbushaltestelle und Parkscheinautomat (2,50€/Tag). Von hier folgen wir dem Wanderweg in Richtung Südosten zum Hinterbachhof. Ab jetzt verläuft eine geteerte Straße (die allerdings nur für die private Buslinie und Anlieger frei ist) zur Ausflugsgaststätte Konstanzer Jägerhaus. Bis zum Elektrizitätswerk bleiben wir auf dieser Asphaltstraße, die sich leicht bergauf neben der Ostrach windet. Witzigerweise kommt uns hier eine Gruppe Mountainbiker mit Skiern auf dem Rücken entgegen.

Um den Anstieg etwas abzukürzen, kann man alternativ den Wanderbus von Hinterstein zur Haltestelle Auele zwischen Konstanzer Jägerhaus und E-Werk nehmen und erst dort mit der Tour beginnen. Da wir gerne unabhängig sind, verzichten wir darauf. Am Elektrizitätswerk beginnt dann die eigentliche Bergtour bzw. der Anstieg. Hier biegen wir nach links in Richtung Schrecksee (gut ausgeschildert) auf einen deutlich schmaleren Waldpfad ab. Eine Infotafel weist auf die Tiere und die Verhaltensregeln im Naturschutzgebiet hin. Anscheinend sind ein Steinadler-Paar, sowie Gämsen und Murmeltiere hier oft gesehene Anwohner.

Geröllweg von Hinterstein zum Schrecksee

Bergpanorama in Hinterstein im Allgäu

Zur Taufersalpe

Die Route verläuft nun ziemlich steil über einen groben Geröll -und Steinweg zwischen Bäumen und Wiesen entlang. Dabei ist die Strecke aber immer frei genug, dass uns die Sonne hier und da ins Gesicht scheint. Von einem kleinen Ministausee aus, geht es weiter zur verfallenen Taufersalpe auf 1338 m (hier befindet sich ein Notrufplatz). Während wir auf der Alpe stehen, wandert unser Blick die knapp 300 m hohe schneebedeckte Felswand empor. Dass hier doch noch so viel Schnee liegt, haben wir nach den sommerlichen Temperaturen der letzten Tage nicht erwartet.

Ministausee auf dem Weg zum Schrecksee

Ministausee auf dem Weg zum Schrecksee

Am Taufersbach entlang wandern wir weiter auf die recht imposante Geländestufe zu, an deren Fuß uns jetzt die letzten, der ohnehin schon an einer Hand abzählbaren, Wanderer entgegenkommen. In der Hoffnung auf eine Timelapse vom Sonnenuntergang, sind wir erst um 13:00 (mit Taschenlampen und Stirnleuchten für die letzten Höhenmeter bewaffnet) losgewandert. Aus dem Grund werden wir ab jetzt die einzigen Menschen auf diesem Gebirgssattel sein. Ein weiterer Blick nach Oben lässt in uns aber die Gewissheit aufkeimen, dass wir heute definitiv keinen Sonnenuntergang mehr zu sehen bekommen. Dicke, graue Wolken hängen dicht um die Gipfel vom Älpele (2024 m) -und Knappenkopf (2071 m).

Taufersalpe auf dem Weg zum Schrecksee

Felswand auf dem Weg zum Schrecksee

Schneereste auf dem Wanderweg zum Schrecksee

Felswand auf dem Weg zum Schrecksee

Der letzte Anstieg

Mühsam kämpfen wir uns auf dem glatten Schnee nach Oben. Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück und noch ein tapsiger Ausfallschritt zur Seite… Bei diesen Tourenbedingungen bekommt der Hinweis „alpine Gefahren“ eine ernst zu nehmende Bedeutung (vor allem mit einem frisch verheilten Kreuzbandriss). Der Weg ist zu dieser Jahreszeit natürlich noch nicht gesichert und gekennzeichnet, so dass die Besteigung eher an eine Schnitzeljagd erinnert. Unter dem Schnee haben sich knietiefe Furchen gebildet, die regelmäßig für ein spontanes Einsacken oder Wegrutschen sorgen. An bestimmten Schlüsselstellen kann dies unter Umständen einen Absturz zur Folge haben. Geht man langsam, konzentriert und vorsichtig an die Sache heran, stellt das Ganze kein allzu großes Problem dar. Dennoch empfinden wir die Wanderung unter diesen Umständen als Kräfte -und Nerven zehrend und konditionell deutlich schwieriger als geplant.

Wasserfall auf dem Wanderweg zum Schrecksee

 

Schneereste auf dem Wanderweg zum Schrecksee

Wanderweg zum Überqueren der Felswand

Blick ins Tal von Hinterstein im Allgäu

Kurz vor dem letzten Stück der Geländestufe kreist das besagte Steinadler-Paar über unsere Köpfe! Die Stimmung ist jetzt fast mystisch. Unten im Hinterstein-Tal strahlt die Sonne auf die grünen Wiesen, während wir hier oben im Whiteout den Weg zum Schrecksee durch die Schneefelder suchen. Einen relativ steilen Abhang rutschen wir auf dem Hintern herunter. Was ist das für ein süßlicher Geruch? Und wo kommen die Haare her? Nach kurzer Zeit finden wir den Grund – die knöchernden Überreste einer Gämse liegen verteilt vor uns…

Schnee auf der Wanderung zum Schrecksee

Skelett einer Gämse im Allgäu

Wo ist der Schrecksee?

Stefan hat gerade das letzte Stück des Anstiegs erklommen, als ich ihn schon fluchen höre: „ach f..k, das darf doch nicht wahr sein!“ Worüber wir eben noch gewitzelt haben, ist eingetroffen. Dort, wo der Bergsee auf 1813 m in einem kesselartigen Hochtal liegen sollte, ist lediglich ein großes Schneefeld mit einem kleinen Hügel zu sehen. Nicht mal sein Verlauf lässt sich erahnen. Bis auf zwei kleine verräterische Stellen, an denen das Wasser hellblau durchschimmert, weist nichts auf den doch recht großen See hin. Bei der Kälte ist die geplante ausgiebige Picknickpause gestrichen. Stattdessen ziehen wir unsere Daunenjacke, Handschuhe und Mützen über und treten den Rückweg an. Wie oft wir jetzt schon von unserem Tick, für jeden erdenklichen Fall der Fälle ausgerüstet zu sein, profitiert haben!

Schnee auf der Wanderung zum Schrecksee

Schneebedeckter Schrecksee im Winter

Schneebedeckter Schrecksee im Winter

Begegnung mit wilden Tieren

Kurz vor dem Abstieg entdeckt Stefan eine Herde Gämsen. Stück für Stück wagen wir uns etwas näher an sie heran, dabei immer darauf bedacht, sie nicht zu stören. Während der Großteil der Gruppe auf einer Wiese am Abhang des Knappenkopf grast, wagen sich ein paar der mutigeren Tiere auf ein kleines Schneefeld. Eine Gämse ist dabei ziemlich übermütig, überschlägt sich mehrmals im Schnee und rutscht ein paar Meter den Abhang hinunter. Ein schönes Erlebnis die Tiere so entspannt beobachten zu können.

Gämse im Schnee am Schrecksee

Gämsen im Schnee am Schrecksee

Der Abstieg

Dachten wir eben noch, dass der Aufstieg unter diesen Umständen recht fordernd ist, so wissen wir jetzt, dass der Abstieg den Schwierigkeitsgrad nochmal um das dreifache erhöht. An vielen Stellen müssen wir unsere Hände zum Abstützen benutzen. Wanderstöcke sind hier im Schnee absolut zu empfehlen! Nachdem wir die Felsstufe passiert haben, ist die Welt wieder in Ordnung. Der Taufersbach plätschert inmitten der grünen Wiesen, während sich die Sonne rot leuchtend über dem Tal von Hinterstein verabschiedet. Der ideale Zeitpunkt um unsere Pause nachzuholen!

Pause auf der Wanderung zum Schrecksee

Sonnenuntergang im Hinterstein-Tal

Sonnenuntergang im Hinterstein-Tal

Als wir schließlich auf wackeligen Beinen beim E-Werk ankommen, ist es schon dunkel. Trotz der Tatsache, dass wir den vermeintlich schönsten Bergsee des Allgäus nicht gesehen haben: es war eine wunderschöne Wanderung, die Lust auf mehr gemacht hat! Die Kletterei in dieser unwirklichen Schneelandschaft und das Erlebnis mit den ungestört spielenden Gämsen war ein kleines Abenteuer für sich. Gepaart mit dem Wissen, dass wir in dem Moment die Einzigen in diesem Gebiet waren, hat uns diese Tageswanderung wieder einmal eine kleine Auszeit vom Alltag geschenkt. Und das Ganze nicht weit von unserer Haustür und nahezu kostenlos! Was gibt es entspannenderes als eine Bergwanderung?

Glücklich und erschöpft grinsen wir uns an: in ein paar Monaten sind wir definitiv wieder hier! Dieses Mal aber bei sommerlichen Temperaturen und in Form einer Rundtour zum Vilsalpsee! Wir freuen uns darauf!

Lust auf weitere Wanderungen im Allgäu?

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