Gipfelkreuz vom Monte Pez

Dolomiten – Auf den Gipfel des Schlern

In Europa, Italien by NaddlLeave a Comment

Jeden Morgen frühstücken wir nun auf der Zeltwiese vom Camping Seiser Alm mit einem fantastischen Blick auf den 2563 m hohen Schlern. Aufgrund seiner charakteristischen Form gilt er als das Wahrzeichen Südtirols und ist der Namensgeber seiner umliegenden Gebirgsgruppe. Schnell steht unsere Entscheidung fest: wir werden den Gipfel dieses Bergpfeilers, den Monte Pez, erklimmen! Es gibt einige Wanderrouten, die von der Seiser Alm starten, allerdings würden wir gerne ohne Seilbahn auskommen, unser Auto auf dem Campingplatz stehen lassen und ohne Zeitdruck wieder zurück wandern. Aus dem Grund plant Stefan eine Rundtour, die es in sich hat: 25,5 km mit 1700 Höhenmetern Aufstieg und 1700 Höhenmetern Abstieg. Ich habe große Bedenken, ob wir uns da nicht zu viel vorgenommen haben – vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass wir nicht gerade die schnellsten Wanderer sind und hier locker 10 Stunden auf dem Plan stehen.

Wald mit Schlern im Hintergrund

Die Route steht!

Verlockend hört sich die Strecke definitiv an – es wird an zwei Burgruinen vorbei mit Blick auf Seis und Seiser Alm zur Schlernbödelehütte gehen. Nach einer Pause in der bewirtschafteten Hütte erfolgt der Aufstieg über die karge Schlernhochfläche zum Gipfel des Monte Pez. Von hier soll man einen sagenhaften 360° Panoramablick über die umliegende Gebirgswelt der Dolomiten mit Plattkofel, Rosengarten und Latemar haben. Der Abstieg führt uns dann auf dem Prügelsteig durch die Schlucht des Schlernbachs und endet an dem schönen Völser Weiher mit Bademöglichkeit. Ein kurzer Spaziergang und wir wären zurück an unserem Campingplatz. Klingt doch wie ein Klacks! Und so siegt die Abenteuerlust und der Wille, diese Herausforderung anzunehmen. Stirnlampen (unser mittlerweile wichtigstes Sicherheitstool), Daunenjacken, Handschuhe, ein Erste-Hilfe-Paket und Verpflegung für mindestens zwei Tage sollten unser Überleben sicherstellen (ich habe mich gedanklich schon mal auf eine unverhoffte Übernachtung dank übersäuerter Muskulatur eingestellt).

Der Oswald-von-Wolkenstein-Weg

Also geht es früh morgens mit mal wieder viel zu schweren Rucksäcken auf 898 hm am Campingplatz Seiser Alm los. Nach 10 min erwische ich mich, wie ich einen ersten Blick auf meine Sportuhr werfe: wir sind bis jetzt erst 200 m gegangen? Super, dann kommen ja nur noch weitere 25 300 m auf uns zu. Diese harte Erkenntnis fährt wie ein Blitz in meine Muskelkater-geplagten Oberschenkel der letzten Wandertage. Bei dem Gedanken daran, wie ich mich gestern schmerzverzerrt die wenigen Stufen zum Sanitärhaus heruntergequält habe, wächst in mir die Überzeugung, dass ich geistig nicht ganz auf der Höhe zu sein scheine. Egal wie das hier ausgeht, Stefan wird auf jeden Fall die Schuld dafür bekommen… 😉

Oberhalb der Landstraße zwischen Seis und Völs am Schlern verläuft der Wanderweg Nr. 2 recht eben durch ein schönes Waldstück. An einigen Stellen erhaschen wir einen Blick auf den noch im Dunst liegenden Schlern. Obwohl er im Vergleich zu den restlichen Felsgiganten der Dolomiten mit 2563 hm noch relativ „klein“ ist, liegt sein Westpfeiler doch gerade äußerst imposant und mächtig vor uns. Nach circa 2,5 km biegen wir rechts auf der Höhe von Schleis auf den Oswald-von-Wolkenstein-Weg ab (Nr. 3). Dieser führt uns an einem Teil der über 15 Stationen vorbei, an denen der interessierte Besucher über die Geschichte der Region, sowie Mythen von Drachen oder Einhörnern informiert wird. Außerdem passieren wir die Schlossruinen Salegg und Hauenstein, von denen man einen traumhaften Ausblick auf Seis am Schlern und Kastelruth hat. Picknickplätze laden hier zu einer ersten kurzen Rast ein.

Seis am Schlern von Oben

Ruine Salegg mit Schlern im Hintergrund

Eichhörnchen bei Seis am Schlern in den Dolomiten

Auf dem Touristensteig

Kurz hinter Bad Ratzes mündet der Weg in den Touristensteig Nr. 1. Mussten wir bis jetzt noch nicht allzu viele Höhenmeter bezwingen, so wird es zur bewirtschafteten Schlernbödelehütte (1693 hm) hin deutlich steiler. Trotzdem ist der Weg technisch nie wirklich anspruchsvoll und so erreichen wir schließlich mit mittlerweile aufgewärmten Muskeln unsere erste Einkehrmöglichkeit. Im strahlenden Sonnenschein genießen wir im Garten der Hütte unser Radler und das superleckere Bergsteigerpfännle mit Rösti und Spiegelei. Der Nachteil an diesem deftigen Essen und der ausgiebigen Pause: die verbliebenen 871 hm scheinen nun wieder zu einem schier unüberwindbaren Hindernis geworden zu sein…

Hinter der Schlernbödelehütte folgen wir dem Touristensteig weiter zur Schlernhochfläche und lassen die Abbiegung zum technisch deutlich schwierigeren Gamssteig (1B) hinter uns. Der Weg windet sich durch Kiefernwald und über grüne Wiesen. Bald ist die Baumgrenze erreicht. Die Landschaft wird immer karger und schroffer, die Ausblicke reichen mittlerweile über die gesamte Seiser Alm (mit 56 km² die größte Hochweide Europas) bis zum Plattkofel.

Kleine Hütte am Schlern

Plattkofel und Langkofel

Blick auf die Seiser Alm

Panorama vom Schlern Richtung Seiser Alm

Ein müder Stefan

Alpendohle am Schlern in den Dolomiten

Die Schlernhochfläche

Als wir endlich die Schlernhochfläche erreichen, schiebt sich eine neue, uns schon gut bekannte Gebirgsgruppe ins Blickfeld – der Rosengarten. Nun sehen wir auch das Gipfelkreuz des Monte Pez und damit den höchsten Punkt des Schlern. Hier soll es noch hochgehen. Auf einer Wiese der Schlernhochfläche entdecken wir ein Alpenmurmeltier.
Jetzt ist es nicht mehr weit bis zum Schlernhaus auf 2450 hm. Diese imposante Schutzhütte wurde 1885 von der Sektion des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins gebaut, mehrmals erweitert und war lange Zeit aufgrund der Eigentumsverhältnisse ein politisch sensibles Thema. Mit seinen 30 Betten und 90 Lagerplätzen wird es meistens von Juni bis Oktober bewirtschaftet. Der Grund, weshalb wir es momentan nur mit verriegelten Fenstern vorfinden.

Hochfläche am Schlern

Der Gipfel vom Monte Pez in greifbarer Nähe

Das Schlernhaus mit dem Rosengarten im Hintergrund

Der Gipfel des Schlern ist erreicht!

Wir kratzen nochmal unsere letzte Motivation zusammen und besteigen die restlichen 500 m über Geröllwege zum Gipfel des Monte Pez auf 2563 hm. Als wir oben ankommen, eröffnet sich uns ein unglaublicher 360° Panoramablick auf die umliegenden Bergketten. Da der Schlern recht isoliert steht, hat man wirklich einen atemberaubenden Weitblick in alle Richtungen.

Weil es mittlerweile schon recht spät ist und wir noch 1700 hm Abstieg vor uns haben, genießen wir den Anblick nicht allzu lange. Wie so oft sind wir auch dieses Mal die letzten Wanderer im Gipfelgebiet. Ein Zustand, an den man sich als Spätaufsteher in den Bergen gewöhnen muss.

Ausblick vom Gipfel des Monte Pez

Ausblick vom Gipfel des Monte Pez

Ausblick vom Gipfel des Monte Pez

Gipfelkreuz vom Monte Pez

Murmeltiere in Aktion

Hinter dem Schlernhaus folgen wir der Via Alpina (Nr. 1) Richtung Völs, als wir wieder die typischen Murmeltierpfiffe hören. Auf der Wiese rechts unterhalb der Schutzhütte finden wir sie schließlich. Zahlreich sitzen sie auf der Wiese, auf kleinen Erdhaufen und vor ihren Hütten. Unglaublich viele Tiere, die sich gegenseitig lautstark ärgern und herumtollen, dabei aber nie die Umgebung aus den Augen lassen. Immer wieder verstecken sie sich blitzartig in ihren kleinen Erdhäusern, um dann wieder vorsichtig aus dem Versteck zu klettern. Manchmal muss dazu auch erst der Eingang der knapp 3 m tiefen und bis zu 10 m langen Erdröhren freigeschaufelt werden.

Da Alpenmurmeltiere nur oberhalb der Waldgrenze, aber mindestens ab 800 hm zu finden sind und sie circa 90% ihrer Lebenszeit in ihren Erdbauten verbringen, ist es für uns immer wieder ein besonderes Erlebnis sie beobachten zu können. Sie reagieren sehr sensibel auf Störungen durch Menschen, weshalb man sie hauptsächlich spät abends und früh morgens zur Nahrungsaufnahme außerhalb ihrer Bauten trifft. Im Herbst ist es für sie lebensnotwendig, sich den erforderlichen Winterspeck anzufressen. Störungen durch Wanderer können dazu führen, dass die Murmeltiere ihre Nahrungsaufnahme oder die Fütterung der Jungtiere aus Angst vernachlässigen und so den Winter nicht überleben. Deshalb sollten die süßen Nagetiere nur aus der Ferne und nicht zu lange beobachtet werden. Hunde sollten dabei stets an der Leine geführt  und laute Geräusche vermieden werden.

Alpenmurmeltiere am Schlern

Alpenmurmeltier am Schlern

Erdbauten der Murmeltiere am Schlern

Der Prügelsteig führt uns durch eine Schlucht

Weiter geht es auf der Nr. 1 mit tollem Blick auf die Hammerwand bergab. Dabei passieren wir noch zwei weitere momentan einsame Schutzhütten. Hatten wir uns beim Aufstieg noch gewünscht, dass es doch endlich mal wieder bergab gehen würde, so bieten jetzt die wenigen kurzen Anstiege eine wahre Wohltat für die Füße, Beine und den Kopf.
Der Weg wird irgendwann zu dem bekannten Prügelsteig, der uns über Holzbrücken durch die Schlucht des Schlernbachs führt. Wieso der Name Prügelsteig? Dieser bekannte Weg besteht aus Lärchenprügeln, die insgesamt fünf Brücken mit einer Länge zwischen 15 und 100 Metern bilden. Ein landschaftlich reizvoller Weg durch den schönen Canyon, für den wir aber mittlerweile nicht mehr allzu viel übrig haben. So langsam träumen wir von unseren Isomatten am Campingplatz… 😉

Blick auf Hammerwand und Völs

Am Völser Weiher

Noch haben wir allerdings einige Kilometer durch Waldgebiet zu meistern. Dabei treffen wir mittlerweile auf etliche Kuhherden, die den Wald durchstreifen. Pünktlich zum Sonnenuntergang erreichen wir schließlich den idyllischen Huberweiher und wenige Minuten später dann auch den Völser Weiher. In diesem Badesee hätten wir noch die Möglichkeit uns zu erfrischen, aber mittlerweile überwiegt der Hunger und die Müdigkeit. Auf dem Weg zum Campingplatz kommen wir an einer Pizzeria vorbei, die uns freundlicherweise  auch nach offiziellem Küchenschluss noch eine leckere Pizza bäckt. Ich kann euch gar nicht sagen, wie happy wir in dem Augenblick waren… Sitzen! Pizza! Bier! Italien! Juhu! Die letzten Schritte zu unserem Campingplatz fallen uns dann schon sichtlich schwer. Wir müssen ein seltsames Bild abgegeben haben, wie wir nachts eher humpelnd als gehend unseren Stellplatz erreichten.

Sonnenuntergang am Huber Weiher in Völs am Schlern

Ihr findet diese abwechslungsreiche aber konditionsfordernde Tour auch wieder auf Outdooractive:

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